• Genio Futurista von Giacomo Balla

GENIO FUTURISTA vom Giacomo Balla

Genio Futurista (Öl auf Tapisserie-Leinwand, 279 x 381 cm, das größte je von Balla erschaffene Werk) wurde immer schon einstimmig und in erster Linie vom Künstler selbst als Dreh- und Angelpunkt seiner Präsenz bei der Pariser Weltausstellung von 1925 bezeichnet. Es ist eine heute für die Ursprünge und die Entwicklung der Art déco als höchst symbolhaft geltende Präsenz, und nun auch eine Möglichkeit für das Publikum, sich einer ergreifenden und namhaften, von Laura Biagiotti und Gianni Cigna mit Geduld und Leidenschaft zusammengetragenen Sammlung zu nähern und ihren Zauber wiederzuentdecken.
Das Ölgemälde wurde von Balla für die 1925 in Paris veranstaltete Exposition des Arts décoratifs modernes tenutasi geschaffen, bei der es zum ersten Mal zusammen mit den anderen Werken des Künstlers ausgerechnet im Pavillon der dekorativen Künste ausgestellt wurde.
Die Pariser Ausstellung bestätigte die äußerst große und längst weitverzweigte internationale Verbreitung der Vorstellungen der Futuristen, die mit ihren Interpretationen der Theorien von Filippo Tommaso Marinetti bereits im vorangegangenen Jahrzehnt eine regelrechte Revolution auf ideologischem und künstlerischem Gebiet vollbracht hatten und jenem Elan Vorschub leisteten, der den Weg für die internationale Avantgarde öffnen sollte. Die Legende von der Geschwindigkeit, der Dynamik, bindet sich an ein neues Kunstkonzept, das die Futuristen nicht mehr nur als bloße Darstellung verstehen, sondern als konkrete Einflussnahme auf die Welt. In den von ihnen aufgegriffenen Motiven spiegelt sich dies in einem Hymnus an die Modernität und den Fortschritt wider und verkörpert die optimistische und vorwärtsstrebende Sichtweise des anbrechenden Jahrhunderts. Der Bildteppich wurde 1928 erneut ausgestellt, er dominierte das Zentrum einer großen Wand in jenem Saal, der innerhalb der Ausstellung der Amatori e Cultori in Rom der Werkretrospektive von Giacomo Balla gewidmet war. Hier präsentierte der Künstler eine Auswahl der wichtigsten Arbeiten seiner Laufbahn, beginnend beim Pointillismus der Jahrhundertwende.
Die "prismatische" Komposition ist in den italienischen Farben angelegt (rot, weiß und grün) die den dunkel- und hellblauen Grund durchziehen und in einer schematischen Abbildung eines Mannes zusammenlaufen: Den Kopf bildet ein Stern, die Arme formen ausgetreckt eine Art "M" - die Initiale von Marinetti, dem Erfinder des Futurismus - die Beine bestehen aus zwei roten Keilen. Von dieser abstrakten, nur vage anthropomorphen Gestalt (dem futuristischen Genius - Genio Futurista - der im Grunde ein Selbstbildnis von Balla ist) gehen strahlenförmig jene "Forme-rumore" (Formen-Geräusche) aus, in denen sich die verschiedenen Versuche der futuristischen Malerei des Künstlers in einer Art künstlerischen Summa verdichten: von den durchdringenden "Motorgeräusch"-Formen zu den abstrakten Volumen der Feu d’Artifice (1916-1917), vom patriotischen "Tricolorismus" in Forme-grido Viva l’Italia (Form schreit ‚Es lebe Italien‘, 1915) zu den theoretischen und theosophischen Darstellungen zur "vierten Dimension" in Trasformazioni forme-spiriti (Formen-Sinne Transformationen, 1918) und Pessimismo contro Ottimismo (Pessimismus gegen Optimismus, 1923) zu den sich überschneidenden Dreiecken der Compenetrazioni iridescenti (Irisierende Durchdringungen).
Der Wandteppich Genio Futurista ist die genaue und zusammenfassende Wiedergabe eines beseelten Prozesses, der den Künstler zu einer Wahrnehmung der dynamischen Zusammenhänge des Universums und zu ihrer Darstellung als reine Formen und Farben führt: Eine Avantgarde nicht nur der Formen, sondern auch und vor allem der geistigen Intuitionen, von Dimensionen, die das Sichtbare überschreiten und dem Unsichtbaren Gestalt verleihen, wie es Balla selbst in seinem Manifest zur Ricostruzione Futurista dell’Universo (Manifest zur Futuristischen Rekonstruktion des Universums, 1915) erklärte.
Prof. Fabio Benzi, Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Universität Chieti.

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